Ein Volksfest ohne Festzelt. Das ist für viele heutztutage unvorstellbar.
Ein Nürnberger Volksfest ohne Rockhousezelt. Das ist der Untergang des Abendlandes…
prophezeihen seine Anhänger.
Denn längst ist das Rockhousezelt eine Institution in Nürnberg geworden.
Wir sprachen mit Florian Rittweger- Frontman der Kultband Javelin- über die Bedeutung dieser „Institution“:

Nachgefragt: Florian Rittweger- Frontman der Band Javelin- zur Ära Rockhousezelt
- Wie lange gehen deine eigenen Erinnerungen an das Rockhousezelt zurück? Puh, das erste Mal im Rockzelt war im Jahre 1999 für mich. Müsste auch das Frühlingsfest gewesen sein. Gespielt hat F.U.C.K., die Coverband die ich wohl am Häufigsten in meinem Leben gesehen hab. Das letzte Mal übrigens am letzten Mittwoch, auch im Rockhouse.
2. (Große) Festzelte gibt es überall auf Kirchweihen und Volksfesten. Was aber macht in deinen Augen das Rockzelt zu einer einmaligen Kulisse?
Ich kann jetzt nur für mich sprechen. Für mich ist das Nürnberger Volksfest etwas ganz Besonderes. Ich bin gebürtiger Nürnberger, der Glubb ist mein Verein, Nürnberg die beste Stadt der Welt. Einfach meine Heimat. Den großen Unterschied sehe ich im Publikum. Im Nürnberger Landkreis gibt es kaum Coverrock Events unter dem Jahr. Es gibt 1000 Discos & Bars, aber Livemusik findet man sehr sehr selten. Das Publikum ist hungrig und euphorisch. Letzte Woche bei F.U.C.K. war ich selber im Publikum. Da merkte man hautnah wie euphorisch die Band und ihre Musik gefeiert haben.
3. Irgendwann ist die schönste Party einmal vorbei. Aber war das abzusehen? War ein Ende der Rockhouseära deiner Meinung nach abzusehen?
Leider ja, zum Glück gibt es aber ja noch eine Verlängerung. Die Zeiten und Gewohnheiten haben sich leider etwas geändert, aber so schlimm wie viele sprechen ist es nicht. Man muss sich einfach als Band eben auch anpassen. Wir (Javelin) spielen deutlich breitgefächerter als früher. Am Abend benötigen wir knapp 55 Songs, unser Repertoire umfasst aber ca. das doppelte, so dass wir auf Volksfesten zu einer Partyband werden und auf einem Bikertreffen zur Rockband transformieren, beides Mal ohne dass wir unser Gesicht verlieren. Damit fahren wir unglaublich gut. Wir hatten dieses Jahr oft ein ausverkauftes Haus und unglaublich coole Parties von Franken bis ins Allgäu.
4. Aus aktuellem Anlass wird in Erwägung gezogen, dass Rockhousezelt zur Notunterkunft jetzt nach dem Volksfest für Flüchtlinge umzufunktionieren. Ein unausweichlicher Schritt, um den steigenden Flüchtlingszulauf zu begegnen?
Ich bin zu wenig im Thema drin denke ich, ich bin da glaube ich auch nicht alleine. Alles ist unübersichtlich, keiner weiss was passieren wird. Das Menschen geholfen werden muss die in Not geraten sind steht ausser Frage.
5. Hermann Murr gilt längst als etablierte Größe unter den Festwirten im Raum Nürnberg. Kennst du ihn persönlich? Welchen Eindruck hat er in puncto soziale und unternehmerische Kompetenzen bei dir hinterlassen?
Hermann Murr kenne ich persönlich nur vom „Hallo, Tschüss & Bis nächstes Jahr“. Den meisten Kontakt haben wir mit den jeweiligen Bookern für das Rockzelt. Im Bereich Veranstaltungen & Events eine etablierte Größe in Nürnberg. 20 Jahre Rockzelt (jeweils 2x im Jahr) kommen nicht von ungefähr.
6. In einer bekannten Tageszeitung forderten einige Rockzeltanhänger ein neues Konzept, bei dem beispielsweise mehrere Bands an einem Abend im Rockzelt auflaufen sollten. Ist das die Lösung für mehr Publikumszuwachs?
Nö. Mehrere Bands an einem Abend ist nur Stress für Techniker, Bands und Zuschauer. Ist natürlich wieder nur meine Meinung. Ich denke man sollte evtl. mehr in Themenabende investieren, bsp. Die Ladiesnight läuft ja immer recht gut, sagt zumindest unser Bassist Horschti immer… Mal ne DJ-Night, mal ein Volxrock Abend mit ner Band wie den Troglauern oder den Dorfrockern usw. kann ich mir echt gut vorstellen.
7. In diesem Zusammenhang: Wie beurteilst du die Qualität der Bands, die bisher im Rockzelt- auch im Hinblick auf die zeitliche Entwicklung- gespielt haben? Hast du einen/mehrer Favoriten?
Dieses Jahr war es für mich das beste Lineup. Jede Band die gespielt hat, hatte echt was drauf und hat einen guten Namen. Meine Favoriten waren Audio Gun, F.U.C.K., Zeitgeist und Citizen X.
8. Tausend mal wurde es kopiert. Das Münchner Oktoberfest mit seinen bayrischen Bierzelten, den Weißwürsten und Brezen, der Blasmusik. Auf der ganzen Welt (sogar in den USA und China) gibt es mittlerweile Ableger davon? Ist die Zeit einfach reif, um das Rockhousezelt auf andere Veranstaltungen und Volksfeste zu hieven, um wirtschaftlich und publikumstechnisch neue Sphären zu erreichen?
Bestimmt, soweit ich weiss gab es das Rockzelt auch mal in Bamberg. Ich denke auf den hiesigen Festen wie Berg in Erlangen oder Sandkerwa in Bamberg würde so etwas funktionieren.
9. Dein schlimmstes und dein schönstes Erlebnis im Rockhousezelt?
Mein schönstes Erlebnis war der Auftritt dieses Jahr am Herbstvolksfest. Die Band (Javelin) war unheimlich tight und man merkt jede Sekunde dass wir 5 schon ne ganze Weile in dieser Besetzung spielen und uns untereinander auch sehr mögen. Die Band ist aktuell in der Form ihres Lebens. Das schlimmste Erlebnis war eigentlich für mich als Glubb Fan der Auftritt vor 2 Jahren wo man merkte dass die vielen Glubb Fans die immer da sind die Hoffnung verloren hatten, und das 1,5 Monate vor dem Saisonabschluss.
10. Wie sieht das Rockhousezelt aus, wenn du es nach deinen Vorstellungen gestalten könntest (in allen Bereichen: Programm; Design; Größe; Gastronomieangebot etc.)
Wie oben schon genannt, mehr Variationen und Themenabende. Größe und Design kann gerne beibehalten werden. Ein Rockzelt ist einfach kein Mach1. Darüber sollten wir auch alle froh sein J Evtl. mal einen offziellen Partner aus dem Funkhaus mit reinnehmen. Ich habe Guido (Seibelt, Programmchef Gong 97.1) kontaktiert ob er nicht mal durchsagen könnte dass das Rockzelt am Samstag länger offen hat wenn Javelin spielt, das war überhaupt kein Problem. Ich kenn das aus Festzelten im Odenwald, da wurden teilweise einige Songs live im Radio übertragen. Wenn das in Hessen funktioniert, dann in Franken doch gleich 3x.
Interview: Dominik Schwalb

